Sackgasse.

Der 10. veröffentlichte Beitrag in diesem Blog – und gleichzeitig der letzte.

Ich kenne das von mir, Dinge anzufangen, eins nach dem anderen und nirgendwo wirklich anzukommen, eine Mischung aus dissoziativem Mist und Flucht, immer auf der Suche nach „meinem Platz“, überall nur nicht dort, wo ich eigentlich stehe, weil es dort nicht gut genug, nicht okay und nicht normal ist. Ich weiß nicht, wie lange es jetzt wieder so geht. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal an einem Punkt war, der zumindest so weit genug meins war, dass ich es dort länger ausgehalten habe.
Eigentlich hätte ich die Alarmglocken längst hören müssen. Habe ich aber nicht und wahrscheinlich hätte es nicht mal einen Unterschied gemacht, weil so-normal-wie-möglich zu spielen und (wie auch die Menschen um mich) so zu tun als wäre alles nicht so schlimm bis ich es selber glaube, in meinem Leben schon oft die einzige Möglichkeit war. Früher bin ich dabei noch halbwegs auf die Beine gekommen und bin ein paar Schritte gelaufen bis es nicht mehr ging. Heute funktioniert das nicht mehr und es fällt mir nicht mal auf bis ich an dem Punkt bin, an dem ich jetzt stehe. Und dieser Punkt heißt, ich habe dafür einfach keine Kraft mehr. Und das eigentlich schon länger. Schon lang. Ich habe mal in einem Buch über und für Introvertierte gelesen, dass es Möglichkeiten gibt, die viele (bewusst oder unbewusst) nutzen, um mehr Energie zu haben, wenn da eigentlich keine mehr ist. Genug, um irgendwie weitergehen zu können. Dazu gehören Koffein, Angst (erhöht Puls, Blutdruck und Zucker und Stresshormone im Blut) und Wut (pumpt Adrenalin ins System).
Ich lebe schon seit Monaten (oder Jahren?) von Kohlenhydraten, Kaffee und Zigaretten, ich habe ständig Angst – und ich bin so wütend. Immer. Diese Wut ist das Schlimmste, auch wenn sie zum Teil berechtigt ist, weil es Gründe gibt, wütend zu sein, aber sie ist so allumfassend und frisst einfach alles auf. Und die komplexe PTBS ist nicht nur ein Teil des Hauptgrunds, sie verstärkt das alles noch, weil Angst und Wut zur Symptomatik gehören, weil ständig überall Trigger sind und alles unwahrscheinlich viel Kraft kostet. Kraft, die ich schon lange nicht mehr habe. Ich habe mich aufgebraucht, während mich alles andere von innen zerfressen hat, ohne dass es irgendwer (einschließlich mir) mitbekommen hat.
Ich bin von Menschen umgeben, die mir oft nicht gut tun, an einem Ort, der mir oft nicht gut tut. Ich habe keine Hilfe. Ich habe in den letzten Jahren alles mögliche und unmögliche versucht, aber die Möglichkeiten hier sind begrenzt und vieles wurde sabotiert oder gleich abgelehnt, obwohl es mir zugestanden hätte. (Ja, so was macht man mit chronisch Kranken.) Vor zwei Jahren sind mir die Möglichkeiten ausgegangen und so schien die einzige verbleibende, irgendwie auszuhalten. Zu ignorieren, zu verdrängen und abzuspalten und so-normal-wie-möglich zu spielen, um Ruhe zu haben und irgendwie weiterzumachen. Aber jetzt geht es so nicht mehr.

Die erste Hälfte des Jahres ist vorbei und sie war ziemlich beschissen. Von außen wirkt das alles wahrscheinlich völlig lächerlich, aber so kann ein Leben mit diversem Kackscheiß halt manchmal aussehen und „ist doch nur Internet“, aber das lässt sich so einfach falsch benutzen und dann macht man alles noch schlimmer als es ist.
Und jetzt brauche ich etwas anderes. Das wird es nicht von heute auf morgen sein. Anders. Aber das muss es irgendwie werden. Die Suche nach dem Weg zum Wasser eines Fisches, von dem erwartet wird, dass er auf Bäume klettert sozusagen und das in einer Welt, die sich nach Menschen richtet, die jeden Tag auf Bäume klettern.
Aber diese Suche will ich nicht hier dokumentieren und gar nicht bloggen will ich auch nicht, darum gibt es einen vorerst letzten Neuanfang. Falls jemand folgen möchte, könnt ihr das hier tun: a fish in the trees. Auch Twitter und Instagram werden neu.

Das hier ist ein Abschluss. Das versuche ich mir zu sagen. Das versuche ich, daraus zu machen. Einer, der nötig ist.

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Update. Wie es gerade aussieht.

Komisch wie lange man manchmal braucht, um etwas zu realisieren, das eigentlich völlig offensichtlich ist. Mir wird gerade erst so langsam klar, dass ich angefangen habe, an einem grundlegenden, weitreichenden, kompletten Neuanfang zu arbeiten und das obwohl der Anfang mittlerweile mehr als einen Monat her ist. Am 10. Mai habe ich bei der haz online einen Artikel über Namensänderungen gelesen. Nichts Tiefschürfendes, nur Statistik, aber es war das erste mal, dass in den genannten rechtlichen Regelungen der Punkt aufgeführt wurde, der es mir nun möglich macht, meinen Namen ändern zu lassen.
Und so ein Name macht mehr aus als man meint.

Ich war vorgestern nach fast zwei Jahren wieder bei „meiner“ Therapeutin. Eine Art Sprechstunden Termin, ihre Warteliste ist (wieder) ziemlich lang und darum weiß ich noch nicht, ob sie wieder meine Therapeutin werden wird.
Trotzdem war es gut, mal wieder dort zu sein. Der dissoziative Kram macht mir nicht mehr so viel Angst, weil sie so was schon öfter gehört hat. „Normal“ für Traumafolgestörungen. Welche genau wird sich mit der Zeit zeigen. Da komplexe PTBS gerade noch keine offizielle Diagnose ist und sie ungern Diagnosen stellt, die mit der Persönlichkeit zu tun haben, ist meine offizielle Diagnose weiterhin PTBS (kPTBS könnte man auch als „andauernde Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung“ diagnostizieren).

Es war auch das erste mal, dass ich mit (m)einer Therapeutin über mein Gender Theater gesprochen habe. Nicht ihr Fachgebiet und nichts, womit sie sich wirklich auskennt. Aber mit Kranksein und Trauma kennt sie sich aus und als ich meinte, „Wer weiß, vielleicht macht mich Traumatherapie ja zu einer ‚richtigen Frau‘.“, war ihre Antwort, „So funktioniert das nicht.“ Und als ich gegangen bin war ich zum ersten mal seit… Wochen, Monaten, ich weiß es nicht, nicht mehr gereizt und wütend.

Jetzt sitze ich hier mit einem mit Diagnosen und Dringlichkeitsvermerk ausgefüllten Formular für die Krankenkasse und andere Therapeuten und schaue, wie es weitergeht.
Die zwei Baustellen sind zu groß, um gleichzeitig an ihnen zu arbeiten. „Suchen sie sich eine aus, mit der sie Anfangen“, sagte sie. Und das wird das Gender Theater sein. Weil ich mich damit noch nie ‚richtig‘ befasst habe, offiziell und mit Beratung und allem. Weil ich denke, dass ich da schneller an einem Punkt sein werde, mit dem ich erst mal leben kann. Weil ich glaube, dass das einen Teil vom „mich schlecht fühlen“ erklären und auflösen wird. Weil nicht alles davon Traumafolge, Körpererinnerung und Flashbacks ist, sondern vieles auch Dysphoria. Weil es für die weitere Therapie wichtig ist. Und weil ich die Namensänderung endlich beantragen will. (Das zieht sich gerade etwas, weil ich auch meinen Vornamen ändern lassen will und da gibt’s einiges, das ich noch klären und entscheiden muss.)
Und bis ich irgendwo einen Platz habe und anfangen kann, an dem Traumakram zu arbeiten, wird es wohl eh länger dauern.
Und damit geht nun die Beratungsstellen- und Therapeutensuche wieder los. Und den Genderkram muss ich irgendwie „heimlich“ klären und am besten eine „heimliche Lösung“ finden, denn sonst habe ich keine Familie mehr. Und damit dann eigentlich niemanden. Das wird interessant. (Japp, ich hoffe, mich wird niemals jemand online suchen und finden.)

Darum brauche ich meine Energie jetzt für mich selbst. Und das heißt auch, dass ich wohl endlich ein bisschen sortieren und aussortieren sollte, womit ich mich beschäftige und womit ich meinen Kopf füttere.

Block people and pretend they died.“ (Großartiger Blogpost!) gilt so oder so ähnlich online und außerhalb des Internet unter anderem für:

• Witze über Veganer/vegane Lebensmittel, körperliche, psychische und mentale Einschränkungen und Krankheiten, Suizid,…
• jegliche Relativierungs- und Assimilierungsversuche, egal ob von Queerem, Intelligenz, Hochbegabung, anderen Arten von Neurodivergenz, Krankheiten oder sonstwas.
• Menschen, die queere Menschen und Leben für ein spaßiges Hobby halten.
• Menschen, für die queere Menschen und Leben diskutierbare Theorien sind.
• „Ich bin so ein toller Ally und das A in LGBTQIA+ steht für mich! 😍“
• grenzüberschreitende, mansplainende cishet „Feministen“.
• queere Leute, die auf andere queere Menschen losgehen (Meist cis Schwule, cis Lesben und binäre hetero trans Menschen, die gegen alle anderen hetzen. „Die Szene“ kann sich so wunderbar selbst zerfleischen…)
• Menschen, die nur schnelle, einfache Lösungen und ihr Bauchgefühl rausschreien wollen oder mir anderweitig zu stumpf sind.
• Und Menschen, die meinen, dass Selbstschutz und Selbstfürsorge ignorant und arrogant wären.

Da bleibt erst mal nicht viel übrig, denn irgendwie neige ich dazu, mich mit Menschen, Themen und Dingen zu umgeben, die mir nicht sonderlich gut tun. Aber Platz für Neues gehört wohl auch zu diesem Neuanfang.

Was das für hier heißt… keine Ahnung. Zwischen all dem Schweren, Weitreichenden, Grundlegenden müssen es zur Zeit oft die „schönen Oberflächlichkeiten des Lebens“ sein. Aber ich weiß nicht, wie ich über so was bloggen könnte, auch wenn ich gern würde. Außer Blogs, Tweets und Instagram Posts lese ich zur Zeit auch kaum, so dass auch über Bücher zu bloggen gerade wegfällt. Und schreiben zum online posten ist gerade auch nicht drin.
Und eigentlich hätte ich schon wieder Lust, hier alles komplett hinzuschmeißen. Vor allem wegen dem Namen. Eigentlich wusste ich von Anfang an irgendwo, dass der eine echt dämliche Idee ist. Aber ich fand ihn nett und normal spielen und dabei etwas überkompensieren ist halt mein Standard Modus. Und irgendwie war das alles hier jetzt auch nicht so wirklich abzusehen.

Was nun generell wird… ich weiß es nicht. Ich glaube, ich muss erst mal ein paar Dinge für mich klar kriegen. Ob ich darüber bloggen werde, weiß ich noch nicht. Ich weiß gerade generell nicht, wie weit ich mich in nächster Zeit online „zeigen“ und äußern werde. Für einige funktioniert das und ich habe auch lange über solche Themen gebloggt, aber ich bin eben kein sonderlich sympathischer Mensch. Das war ich noch nie. Und gerade bin ich nicht sicher, wie weit ich so noch online mein Seelenleben ausbreiten will. Denn so bringt es halt eh nichts, weder mir, noch sonst irgendwem. Damals hat mir das nichts ausgemacht. Jetzt schon. Etwas, das mir so richtig erst nach und nach bewusst geworden ist. Dumm gelaufen.

Ich habe schon oft geschrieben, dass ich nicht weiß, was wird. Aber ich glaube, es war noch nie so ungewiss wie jetzt. Und manchmal frage ich mich, ob ich irgendwann in meinem Leben noch irgendwo ankommen werde.
„Wird nie langweilig, was?“, hat sie im Spaß gefragt. Nein, wird es nicht. Und ich hab so langsam echt genug davon. Ich bin zu alt für dieses orientierungslose Herumirren, das nie aufzuhören scheint.
Schade, dass danach niemand fragt.

Neuer Monat, neuer Anfang.

Es ist Juni. Keine Ahnung, wie und wann das passiert ist.
Als das Jahr angefangen hat, war das, was ich am meisten wollte wohl, dass sich in diesem Jahr endlich etwas ändert. Gerade sieht es so aus, als würde das tatsächlich passieren, wenn auch nicht annähernd so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Es geht mir nicht besonders gut.
Ich habe eine dissoziative Störung, nicht erst seit kurzem oder einer Weile, sondern eher – keine Ahnung, vermutlich schon so ziemlich immer. Ich weiß nicht, ob die so wie sie ist zur komplexen PTBS gehört oder etwas anderes, eigenes ist und gerade macht das auch keinen großen Unterschied, glaube ich. (Auch wenn ich es gern wüsste.)
Es ist anstrengend. Dieses ewige Hin und Her, das man zum Teil auch hier mitbekommt („Yay, das mache ich!“ … „Nein, doch nicht.“, von einem Plan zum nächsten, von einem Blog zum nächsten, etwas posten und wieder raus nehmen,… wer mich schon länger liest oder kennt, wird vielleicht wissen was ich meine) und hinter dem eigentlich noch mehr steckt – es ist anstrengend und ich bekomme es zur Zeit überhaupt nicht in den Griff. Ich schaffe das sonst auch nicht wirklich, meist ist es (die gesamte dissoziative Störung) mir nicht mal bewusst (wie auch immer das geht), aber gerade läuft alles irgendwie besonders durcheinander.
Da ich nicht weiß, wie ich daran etwas ändern könnte, wird das wohl auch noch eine ganze Weile so sein und ich bemühe mich, das nach außen – auch hier und generell online – nicht so zu zeigen, auch um mir nicht ganz so dämlich vorzukommen, aber ich bin nicht sicher, in wie weit gerade drin ist, dass auch nur irgendwas einigermaßen geradeaus läuft. Auch was Blogposts angeht. Auch wenn zu schreiben und zu bloggen beim Ordnen und Nachverfolgen helfen kann, irgendwie ist das alles gerade etwas schwierig. Oft weiß ich gerade nicht mal, ob ich über etwas schon geschrieben habe und muss dann in meinem eigenen Blog die Suchfunktion benutzen. Bei neun Beiträgen. Vieles geht gerade einfach mal so gar nicht.

Daher hat sich dieses Blogprojekt, so wie ich es eigentlich wollte, wohl auch erst mal erledigt. Keine Ahnung, ob ich das so überhaupt irgendwann noch mal versuche.
„Schreibt und bloggt über das Leben“ stand in meinen Bios bei Twitter und Instagram und das wird es erst mal sein, denke ich.
Ich kann gerade weder das Schreiben, noch irgendwas anderes mit in den Mittelpunkt der Dinge stellen, für die ich regelmäßig Zeit brauche. So hässlich es sich vielleicht anhört, mein Fokus wird erst mal das krank sein/gesunder werden sein. Wie lang das so sein wird, sein muss – ich weiß es nicht. Keine Ahnung. Wochen, Monate, Jahre,… um das beurteilen zu können, muss ich erst wissen, was los ist. (Wahrscheinlich werde ich das spätestens irgendwann in den nächsten Tagen auch wieder anders sehen.)

Ich werde also wieder „einfach so“ bloggen, zwischendurch und für mich, ein bisschen so wie ich vor zwölf Jahren angefangen habe (Herrje, ist das lang her…), über das Leben, übers Kranksein, über Queeres, über Dinge, die das Leben, mein Leben schöner machen,… und manches davon wird hinter Passwort landen.
Optisch versuche ich erst mal, alles „neutral“ zu machen, damit sich da nicht auch ständig alles ändert. So wichtig ist es wohl auch nicht, hier und anderswo online mein Gesicht oder generell mich zu sehen. (Über mein inneres Hin und Her was das angeht, könnte ich einen eigenen Post schreiben… Oder gleich mehrere…)
Ich dachte, ich hätte das alles hinter mir und könnte mich langsam mal auf anderes konzentrieren. Das war wohl nichts.

Nach zwei Jahren Zwangs-Therapiepause habe ich in knapp zwei Wochen nun wieder einen Termin bei meiner Therapeutin. Ob sie weiter/wieder mit mir arbeiten kann und will… keine Ahnung.
Ich weiß nicht, wo die letzten zwei Jahre geblieben sind. Was in der Zeit passiert ist. Die Zeit ist nicht völlig weg wie ausgestanzt „und plötzlich war heute“, aber ich habe seit Jahren schon – keine Ahnung wie lang genau – nur neblig verschwommenes Zeug im Kopf statt richtigen Erinnerungen.
Gerade finde ich das alles, den Nebel im Kopf, das ewige Hin und Her und was sonst noch dazu gehört, wieder ziemlich unheimlich und ich weiß nicht wirklich, wie es nun weitergeht. Aber das wird sich wohl mit der Zeit zeigen.

Trotz Ungewissheit und auch wenn es unheimlich ist, es ist okay irgendwie. Vielleicht ist das jetzt eben der Beginn der dritten Etappe. Mal gucken, wohin die mich führen wird.

Wenn aus einem kleinen Schritt vorwärts ein Sprung über die Schlucht wird.

Und dann grätscht mir mal wieder das Leben dazwischen. Nicht negativ zwar, aber anstrengend. Sehr anstrengend.
Ich werde einen Abschluss in meinem Leben haben. Einen, den ich mir seit etwa 14 Jahren gewünscht und auf den ich in den letzten Wochen gehofft, mit dem ich aber nicht wirklich gerechnet habe, wie ich jetzt merke.

Ich habe immer noch den Nachnamen meines biologischen Vaters, der ein nicht unerheblicher Auslöser meiner komplexen PTBS ist. Vor 14 Jahren habe ich den Kontakt abgebrochen. Und jetzt werde ich meinen Nachnamen ändern lassen, um auch die letzte Verbindung loszuwerden. Für manche klingt das vielleicht wie eine Kleinigkeit oder reine Formalität. Aber für mich fühlt sich mit meinem neuen Namen im Kopf so gut wie alles anders an.
Mein neuer Name bin ich als Erwachsene. Meine Geister halten ein bisschen mehr Abstand und meine Vergangenheit ist Vergangenes, das ich verarbeiten muss, nichts das pausenlos in der Gegenwart an mir klebt und wenn es gerade da ist, kann ich es besser erkennen. Mein neuer Name fühlt sich an wie ich und wie einen Schritt zurücktreten vom Früher und mich und alles als Ganzes sehen, als Verlauf meines Lebens, statt als zeitloses Grauen, weil sich Vergangenes ständig über alles schiebt.
Es ist keine Heilung, aber es ist ein großer Schritt vorwärts und es gibt mir so viele Möglichkeiten.
Auch für mich wichtige Möglichkeiten wie mein Buch unter meinem Namen schreiben zu können, denn meinen dann alten Namen hätte ich nicht darauf stehen haben wollen. Oder auch eine zumindest semi-professionelle Seite für mich und mein Schreiben, denn auch so was gibt es bisher nicht, weil ich diesen Namen dort nicht haben will. Ich will ihn mit nichts in Verbindung sehen, das mir wichtig ist.
Vor allem werde ich nichts mehr als „die Tochter von xy“ tun. Und das fühlt sich verdammt gut an.

Noch ist der Antrag nicht gestellt, es ist viel Papierkram, viel, das ich vorher brauche, Führungszeugnis, Stellungnahme meiner Therapeutin (und dazu überhaupt erst mal wieder einen Termin bei ihr) und so weiter und Geld kostet es auch, aber vorgestern habe ich mit der zuständigen Sachbearbeiterin gesprochen und ihr meine Situation grob geschildert. Und sie sagte, dass in Fällen wie meinem ein solcher Antrag noch nie abgelehnt wurde.
Es wird ein Abschluss. Und es wird ein neuer Anfang. Einer, der noch weitreichender wird, als ich dachte, als ich vor ein paar Monaten die Entscheidung getroffen habe, mein Leben zu verändern. Und gerade versuche ich noch, das alles zu überblicken und zu begreifen.

All das, der Blick nach vorn, das aufgewühlte Früher, der Abschluss, der auch ein Abschied ist von einem Teil von mir (es ist nicht nur schön und einfach, aber vor allem ist es wichtig und nötig) und alles, was gerade zu tun ist, ist wirklich anstrengend. Es stresst. Und entsprechend schlecht geht es mir gerade, denn Stress ist etwas, das weder meine Psyche, noch mein Körper verträgt. Davon habe ich eigentlich so schon genug mit meinem (k)PTBS-bedingt kaputten Stresshormonsystem im Kopf.
Mit Dauernervosität, Herzrasen, Übelkeit und anderen Nettigkeiten kann ich so gerade so ziemlich gar nichts so wirklich. Auch nicht schreiben, zumindest nicht mehr als für mich selbst, oder bloggen und den Versuch, regelmäßig an bestimmten Tagen zu posten, lege ich erst mal auf Eis, denke ich. Bis alles geregelt ist und es mir wieder besser geht.
Ich muss mich erst mal sortieren und wieder zusammensetzen und dann gucke ich weiter.
Eigentlich wollte ich ja eh nur wieder bloggen, weil es mir Spaß macht. Und gerade ist eben anderes wichtiger. Also blogge ich in beiden Blogs erst mal nur nebenbei.
Heißt, auch keine Challenges, weder in Blogs, noch auf Instagram. (Im wortflimmern Blog hatte ich mir eine vorgenommen.) Der Account wird eh eher mein „Fotoalbum“ werden, ich hatte nie vor, daraus den reinen Bookstagram Account zu machen, der er jetzt geworden ist, das hat sich irgendwie so ergeben. Bücher wird es dort auch geben, aber nicht mehr so wie jetzt.
Insgesamt sind das alles, die Blogs und auch mein Buchprojekt, die Dinge, die ich tun will, die mir Spaß machen, die mir wichtig sind.
Aber die Dinge, die ich tun muss, um die ich mich kümmern muss, Therapie, diese Behördensache,… und auch mich um mich zu kümmern, gehen vor.
Und vielleicht klinge ich auch endlich wieder wie ich selbst, wenn sich alles beruhigt hat.

Habt ihr schon mal von „Hygge“ gehört? Ich habe vor ein paar Tagen festgestellt, dass es für mein „meinetwegen könnte immer Weihnachten sein“ und „ich liebe es, wenn es draußen stürmt und eklig ist, drinnen mit Buch, Kaffee und Decke auf der Couch zu sitzen“ und „ich mag es, an Sommerabenden lange quatschend, trinkend und essend mit Familie und Freunden draußen zu sitzen“ ein Wort gibt. „Hygge“. (Nicht so was zu mögen, sondern die Momente und Situationen und das Gefühl, das sie einem geben.) Und ich glaube, das brauche ich jetzt.
Und ich muss anfangen darauf zu achten, womit ich mich beschäftige, womit ich meinen Kopf fülle. Mit Ernährung befasse ich mich relativ oft und versuche auch darauf zu achten, so weit das eben geht, aber wenn es um meinen Kopf geht, darum, womit ich mein Gehirn, meinen Verstand, meine Psyche füttere, bin ich erschreckend wahllos. Und das ist genauso schlecht für mich wie schlechte Ernährung.

Über beides werde ich in nächster Zeit irgendwann noch mehr schreiben. Aber jetzt muss ich erst mal auf mich schauen, mich um den ganzen Kram kümmern und gucken, dass ich wieder auf die Beine komme.

„Die Sterne vom Himmel holen“ von Carolin Schairer

Schairer Sterne_DOWNLOAD k Titel: Die Sterne vom Himmel holen
Autorin: Carolin Schairer
Verlag: Ulrike Helmer Verlag
Erscheinungsdatum: 21. März 2016
ISBN: 978-3-89741-387-0
Genre: lesbische Belletristik
Format: Paperback
Seiten: 204
Preis: 13.95€

Erster Satz: „Die Luft in unserer Wohnküche war zum Schneiden dick.“

Klappentexte:
Buch:
„Paulina ringt mit sich und dem Leben. Sie ist Mitte zwanzig und noch immer in der Ausbildung. Da verliert sie obendrein ihren Brotjob und im Häuschen ihrer Großmutter streikt die Heizung… In ihrer Not nimmt die junge Frau einen Job als Escort-Girl an. Sex verkaufen ist für sie tabu – aber warum nicht mit einer Kundin gegen Bezahlung nett ausgehen?“

Verlagswebsite:
„Überraschend ist es eine Frau, die Paulinas Escort-Service in Anspruch nimmt. Paulina sagt den Auftrag mit Erleichterung zu – mit Männern kann sie ohnehin wenig anfangen. Der Mensch, der ihr eines Tages die Sterne vom Himmel holen wird (wie ihre Großmutter immer sagt), wäre jedenfalls kein Mann. Im Moment aber hat sie mit ihrer ewigen Schwermut und bedrückenden Geldproblemen ohnehin andere Sorgen.
Die Kundin erwartet sie im Wiener Grand Hotel: Johanna Engel ist gebildet, attraktiv – und körperlich behindert. Aus dem reinen Geschäftstreff wird trotz Paulinas klaren Prinzipien rasch mehr. Doch diese Johanna gibt ihr immer neue Rätsel auf. Warum will die Frau unbedingt weiterhin bezahlen, wo doch ihre Zuneigung offensichtlich ist? Weshalb verhält sie sich bei Intimitäten so merkwürdig? Und was weiß sie über einen tragischen Unfall, dessen dunkler Schatten seit Jahren auf Paulinas Seele liegt?“

Meinung:
Ich wollte mal wieder „was fürs Herz“ lesen. Etwas, das dabei aber nicht zu kitschig ist. Und auf meiner Suche habe ich „Die Sterne vom Himmel holen“ gefunden. Kaufen wollte ich das Buch schon, noch bevor ich reingelesen hatte, weil ich die Covergestaltung so hübsch finde, eigentlich sogar fast zu schade, um nur den Buchrücken zu sehen, jetzt wo es gelesen im Regal steht.

Aber auch der Inhalt hat nicht enttäuscht.

In lesbischer Belletristik (wie vermutlich auch in entsprechenden „Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht und was ist hier überhaupt los?“ Heten-Büchern) gibt es ein paar Klischee-Szenarien, die einem immer wieder begegnen. Dieses Buch kommt ohne „die Lesben Szene“ aus. Dafür gibt es das „Hete, die sich plötzlich in eine Frau verliebt“-Szenario, allerdings so umgesetzt, dass frau beim Lesen nicht das Gefühl hat, die Geschichte schon etliche Male gehört zu haben. Sie ist interessant und neu und man fühlt jede Szene mit.

Natürlich ist es Johanna, die hier in der Situation „Plötzlich in eine Frau verliebt“ ist – und das ist noch lange nicht ihr einziges Problem (womit ich nicht ihre Behinderung meine).
Ihre gesamte Situation macht sie stellenweise wirklich schwierig und anstrengend. So habe zumindest ich sie empfunden und nicht nur einmal gedacht, dass Paulina sich das doch nun langsam nicht mehr geben sollte. Irgendwie fehlte mir für Johanna das Mitgefühl, sie hat mich nur immer wieder wütend gemacht. Sie ist so wenig greifbar und kaum hat sie sich ein bisschen geöffnet, so dass man denkt, „Ah, da ist sie ja“, verschwindet sie auch schon wieder. Einmal denkt man, man hätte sie verstanden, um dann im nächsten Moment vor einem neuen Rätsel zu stehen. Sie weiß nicht, was sie will und mit der Zeit verheddert und verwirrt sich alles immer mehr. Und klärt sich auch irgendwann auf, aber bis dahin… Sie ist nicht richtig unsympathisch, aber schwierig. Sehr schwierig.
(Vielleicht war es auch nicht sonderlich hilfreich, dass sie den Namen einer meiner Ex-Freundinnen hat, aber das ist wohl mein persönliches Problem mit der Geschichte. Haha.)

Trotzdem begleitet mich tatsächlich immer noch ein Zitat von ihr:
„Man kann Schicksalsschläge nicht immer abwenden. Aber man kann beeinflussen, wie man mit ihnen umgeht. Wenn man im Leid versinkt, ist es nicht nur ein tragischer Schicksalsschlag, sondern wird zur lebenslänglichen Tragödie.“
Kommt euch bekannt vor? Die Stelle hat das, was ich mit diesem Blog und meinem Leben will, so gut zusammengefasst, dass ich mich für die Über-Seite ein bisschen habe inspirieren lassen.
Und ich denke, auch daran, wie viel man über Johanna schreiben kann, sieht man, dass sie eine gute Figur und ihre Art wichtig ist. Sie bewegt einen und macht was mit einem. Sie schickt einen mit Paulina zusammen über die Achterbahn.

Paulina dagegen mochte ich von Anfang an. Ich denke, da kann man als Leser auch nicht anders. Wie könnte man nach dem ersten Kapitel, das mehr ein Prolog ist, nicht mit Paulina mitfühlen? Aber auch darüber hinaus lernt man sie, während man sie durch die Geschichte begleitet (die wird aus ihrer Sicht von Paulina als Ich-Erzählerin erzählt) als sympathisch, interessant, bodenständig und liebenswert kennen, sie kümmert sich um die Menschen, die ihr nah stehen und ärgert sich mit dem Leben herum, mehr als es eine mit Mitte zwanzig normalerweise muss und die Probleme und Schicksalsschläge hören nicht auf. Und machen sie hin und wieder auf ihre Art unsicher, da nehmen sich beide nicht viel.

Das Buch und die Beziehung der beiden zu einander ist ein Auf und Ab und Hin und Her, Problem folgt auf Rätsel, folgt auf Problem – und zwischendurch gibt es Sex. Aus Frust, aus Liebe, aus „passt halt gerade“.
Die Geschichte ist ein bisschen dramatisch, ein bisschen traurig – leider auch ein bisschen vorhersehbar irgendwann, aber okay und im Rahmen, denke ich. Ich bin nicht sonderlich leicht zu überraschen, das schafft so gut wie niemand.
Die etwas „österreichische“ Sprache hat mich auf den ersten Seiten ein bisschen irritiert, dann aber die Geschichte noch runder gemacht, weil sie – logisch – in Österreich spielt.
Die Dialoge sind manchmal etwas hölzern aber insgesamt schafft es die Autorin mit ihren Wörtern, einen alles miterleben zu lassen, was viel meiner Liebe für dieses Buch ausmacht. Ich mochte die Geschichte, die Figuren und dabei vor allem Paulina, aber genauso mochte ich, dass frau beim Lesen das Gefühl hat, dabei zu sein. Man hat das Gefühl mit Paulina im Garten zu sitzen oder in der Küche im Haus der Großmutter, man läuft mit ihr durch die Straßen,… Gerade die Szenen bei Paulina zuhause geben dem Buch so neben all dem dramatischen, aufwühlenden auch immer wieder etwas fast Idyllisches.

Insgesamt ist „Die Sterne vom Himmel holen“ was fürs Herz, aber kein Buch, das man liest, wenn einem gerade nach etwas Seichtem in rosa ist. Und auch darum mochte ich es sehr.

Fazit:
Ein Buch für alle, die etwas andere Liebesgeschichten mögen.

Leseprobe